Typologie

Die Ludwigstraße besitzt eine einzigartige architektonische und städtebauliche Konzeption: es ist die Steigerung der Idee eines florentinischen Stadtplatzes zu einer Monumentalstraße mit saalmäßiger Geschlossenheit. Sie weist dagegen kaum Verwandtschaft auf mit den später entstandenen historistischen Prachtstraßen wie z.B. den Haussmannschen Pariser Boulevards, der Wiener Ringstraße oder auch der ab 1853 entstandenen Münchner Maximilianstraße: bis auf wenige Ausnahmen besitzt sie keine Geschäfte oder Restaurants, keine Bäume oder Parkanlagen und auch keine sonstigen Annehmlichkeiten, die den Aufenthalt von Besuchern angenehmer gestalten würden. Sie ist, in einem Wort, keine Flanierstraße, sondern eine steinerne, monumentale Via triumphalis. Gemäß ihrer ursprünglichen Konzeption will sie nicht „belebt" werden, will kein Anziehungspunkt für die sonntägliche bürgerliche Promenade sein, sondern will als ein austeres, herr­scher­liches Monument bestaunt werden. In diesem Sinne hat sie im zunehmend bürgerlichen 19. Jh natürlich keine Nachfolge gefunden, die späteren historistischen großbürgerlichen Boulevards sind von ganz anderen Bedürfnissen geprägt. Nur der Odeonsplatz (und in den letzten Jahrzehnten zunehmend auch das Universitätsforum) wurden vom urbanen Leben in Besitz genommen, dazwischen ist die Ludwigstraße ein steinernes Monument.

Die Ludwigstraße wurde lange Zeit eher geringgeschätzt: bereits zu ihrer Entstehungszeit wurde ihr aufgrund der Imitation vergangener Stile mangelnde Originalität vorgeworfen, später wurde sie dann vom im Grunde ebenfalls unoriginellen, aber aufwendigeren Historismus wieder als zu simpel abgestempelt. Ihre Qualität entspringt aber vielmehr ihrer Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wobei aus verschiedenen historischen Anklängen durchaus etwas Neues und Eigenes entsteht: es ist der erhabene und großartige Gesamteindruck, den man am besten beim Durchschreiten, nicht so sehr beim Betrachten einzelner Gebäude gewinnt. Von daher ist die teilweise zu konstatierende „Langeweile" einiger Einzelbauten nur Mittel zum Zweck einer großen, mehr städtebaulichen als architektonischen Schöpfung. Wenn man von der nördlich gelegenen, pappelgesäumten Leopoldstraße gen Süden fährt, zwischen den Bäumen das immer größer werdende Siegestor auftauchen sieht und schließlich in leichtem Bogen um dasselbe herum in die Ludwigstraße einfährt, dann ist dieser Eindruck nicht anders als großartig zu nennen. Von daher kann man Wilhelm Pinders Diktum ein bisschen nachvollziehen, der schrieb, dass die Ludwigstraße eine der schönsten Straßen Deutschlands sei, obwohl sie kaum ein schönes Haus besitze. In der Ludwigstraße ordnet sich alles dem Gesamteindruck unter: schmale Wohnhäuser, Paläste, öffentliche Nutzbauten, die Ludwigskirche und auch die Monumente zeigen alle die gleiche erhabene Grundhaltung und fügen sich zu einem klaren Ganzen, zu einem jederzeit vollständig erfassbaren Raum. Dieser Straßenraum besitzt trotz aller Monumentalität immer noch menschliche Dimensionen: die Gebäude sind einerseits weder zu hoch noch andererseits zu nah oder zu weit voneinander entfernt, es entsteht weder der Eindruck einer Straßenschlucht noch zweier beziehungslos zueinander stehenden Straßenwände. Die ungewöhnlichen Breiten vieler Gebäude zwingen den Betrachter zu kontinuierlichen Schrägansichten, bei denen wiederum die Einbindung der Gebäude in die Gesamtdynamik der Straße im Vordergrund steht und weniger die Gebäude an sich; dieser Effekt wird auch noch durch die Flächenhaftigkeit, d.h. die bewusst fehlende Plastizität der Fassaden (vor allem jener Gärtners), einem fast ausschließlichen Vorherrschen von horizontalen Gliederungen und Linien, einfachen additiven Reihungen von Fensterachsen sowie einer überwiegend gleichen Traufhöhe der Gebäude verstärkt.

Der generelle Eindruck von zwei geschlossenen Saalwänden wird durch gegeneinander verschobene Baublöcke mit großen Wandflächen und - mit Ausnahme der Klenzeschen Bauten im Südteil der Ludwigstraße - dazu vergleichsweise kleinen Fensteröffnungen erreicht; die in die Ludwigstraße einmündenden Seitenstraßen sind relativ schmal, weswegen sie den saalartig-geschlossenen Eindruck kaum stören (dieses wichtige Detail wurde allerdings im Nachhinein durch den Durchbruch des Altstadtrings empfindlich gestört, so dass die Geschlossenheit der Ludwigstraße hier leider eine tiefe Wunde erlitten hat).

Die südliche Herleitung aus den beiden Altstadtstraßen Residenz- und Theatinerstraße zu Odeonsplatz und Ludwigstraße wirkt logisch und natürlich, die bei der Wallniederlegung in anderen Städten oft entstandene Grünfläche und eine daraus resultierende deutliche Trennung zwischen Altstadt und Stadterweiterung unterbleibt, obwohl die Grenze zwischen beiden weiterhin ablesbar bleibt; der Eindruck des Fußgängers, der aus der Residenzstraße auf den Odeonsplatz hinaustritt, ist der eines Übergangs auf eine weite, lichte Bühne. Dieser großzügige südliche Beginn Klenzes am Odeonsplatz wird im Norden von Gärtner mit dem nicht minder großzügigen Universitätsforum beantwortet, der etwas breitere Vorhof zwischen Residenz, Feldherrnhalle und Theatinerkirche mit der gleichbreiten Erweiterung vor dem Siegestor. Die Doppeltürme der barocken Theatinerkirche werden von der Ludwigskirche aufgegriffen und schaffen somit eine Diagonalverklammerung, das die Bewegung durchlassende Siegestor im Norden korrespondiert mit der die Bewegung aufnehmenden Feldherrnhalle im Süden und bewirkt eine Nord-Süd-Dynamik des riesigen Straßenraumes.
Insgesamt vermittelt die Ludwigstraße ein Bild sowohl zielgerichteter Dynamik als auch feierlicher Ruhe, eine Symbiose aus weit ausgreifendem, schwungvollem Straßenzug und tektonisch geschlossenem, statischem Stadtplatz.

Oswald Hederer stellte in seinem Buch „Die Ludwigstraße in München" von 1942 (der immer noch einzigen kunsthistorischen Monographie zur Ludwigstraße) die Vermutung auf, dass Ludwig I. zu dieser Idee eines Straßenraumes - neben seiner offensichtlichen Verehrung für das Italien der Renaissance - durch die großen platzartigen Straßenmärkte der Inn-/Salzachregion inspiriert worden sei, wo Ludwig als Kronprinz von 1810-16 Generalgouverneur war. Vor allem der riesige Stadtplatz von Tittmoning ist in seiner Atmosphäre und Wirkung im Vergleich zur Ludwigstraße durchaus interessant.

Insgesamt lässt sich vielleicht konstatieren, dass die Ludwigstraße in ihrer architektonischen und kunsthistorischen Bedeutung noch nicht die allgemeine Wertschätzung erfahren hat, die sie eigentlich verdient.

Literaturauswahl:

Allgemein:

  • Habel, Heinrich / Himen, Helga: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München, Band I.1, München 1985
  • Habel, Heinrich / Hallinger, Johannes / Weski, Timm: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München Mitte, Band I.2/1 - 2. München 2009
  • Hederer, Oswald: Die Ludwigstraße in München. München 1942

Zu den Architekten Klenze und Gärtner:

  • Von Buttlar, Adrian: Leo von Klenze. Leben – Werk – Vision. München 1999
  • Von Buttlar, Adrian: Leo von Klenze. Führer zu seinen Bauten. Berlin 2016
  • Hederer, Oswald: Friedrich von Gärtner 1792–1847. Leben, Werk, Schüler. München 1976
  • Ausstellungskatalog Münchner Stadtmuseum: Friedrich von Gärtner. Ein Architektenleben 1791–1847. München 1992

Zum Herzog-Max-Palais, dessen Abriss und dem Neubau der Landeszentralbank:

  • Landeszentralbank in Bayern: Vom Herzog-Max-Palais zur Landeszentralbank. Geschichte des Hauses Ludwigstraße 13. München 1990
  • ergänzend: Neumann, Hermann (Hrsg.): Bewahren und Forschen (S. 70/71). München 2016