Ludwigstraße südlicher Abschnitt

Während der Odeonsplatz nach den massiven Zerstörungen des 2. Weltkriegs zu nahezu 100% in originaler Form wiederhergestellt wurde und somit dem ursprünglichen Bild des 19. Jhs vollkommen entspricht, sieht es diesbezüglich in der hier beginnenden eigentlichen Ludwigstraße leider etwas anders aus - sowohl in der Nazi- als auch in der Nachkriegszeit musste gerade der südliche Abschnitt der Ludwigstraße einige schwerwiegende Verluste hinnehmen.

Wir beginnen mit der Westseite und einer Übersicht der Häuser Nr. 1 - 11:


Die gesamte Häuserzeile wurde von Klenze entworfen. Die Fassaden folgen alle einem ähnlichen Schema, nämlich dem des italienischen Stadthauses der Hochrenaissance, wie es in Florenz und Rom zu finden ist und wie wir es bereits am Beispiel der Häuser Odeonsplatz 1 & 2 genauer betrachtet haben. Im Vergleich zu Florenz und Rom sind die Dimensionen allerdings um einiges reduziert und die Fenster im Vergleich zur Wandfläche vergrößert, was den klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa und den hieraus resultierenden Wohngewohnheiten geschuldet ist. Die beträchtlichen Schwierigkeiten, für die neuen Häuser an der Ludwigstraße Käufer zu finden, die in solchen italienischen Palazzi, wie Ludwig I. sie sich vorstellte, wohnen wollten, führte zu der berühmten Aussage Klenzes: „München ist nicht Rom und Herr Mayer, für den das Haus errichtet wird, kein Farnese oder Pitti.“ Weiter: „Die Armut der Münchner Bauherren und das nordische Bedürfnis, der wenigen Sonne und Licht Eingang zu verschaffen und die Räume im Winter heizen zu können, sind ebenso viele Hindernisse gegen den Reiz italienischer Fassaden.“ Ludwig I. waren solche Einwände ziemlich egal, ihm war der Schein wichtiger als die Funktion. Erst als er im Verlauf der weiteren Projektierung der Ludwigstraße immer größere und monumentalere Bauten wünschte und u.a. aus diesem Grund den Architekten wechselte (von Klenze zu Gärtner), entschloss er sich, nur noch staatliche oder kirchliche Institutionen an der Ludwigstraße anzusiedeln. Der südliche Abschnitt aber sollte Wohnzwecken vorbehalten sein.

Wie wir bereits festgestellt haben, sehen diese Häuser äußerlich sehr ähnlich aus, Unterschiede ergeben sich im Sinne einer natürlich wirkenden Abwechslung in der leicht variierenden Traufenhöhe, dem Grad der Rustizierung sowie den Fensterformen (rechteckig oder Rundbogen). An drei Häusern dieser Häuserzeile fügte Klenze zudem Säulenportiken bzw. einen Balkon ein, die aber leider alle nicht mehr existieren, wie wir noch sehen werden.

Sehen wir uns nun die Häuser genauer an.

Häuser Nr. 1, 3 & 5:

Häuser Nr. 1 & 3:


Das Haus Nr. 1 (links) war das Wohnhaus von Franz von Kobell, dem Vater des gleichnamigen bekannten → Mineralogen und Dichters, dem Autor u.a. der „Gschicht vom Brandner Kaspar“. Das 1817/18 errichtete Haus wurde im Krieg nur gering beschädigt, es blieb weitgehend benutzbar.

Haus Nr. 3 war das Wohnhaus des klassizistischen Architekten → Jean Baptiste Métivier; es wurde 1824/25 gebaut (übrigens auch nach Plänen von Klenze, was interessant ist, weil Métivier ja selbst Architekt war). Im Krieg brannte es völlig aus und wurde nachher im Zuge der Neunutzung als Teil des neuen Finanzministeriums (zusammen mit Odeonsplatz 4 & 5 und Ludwigstraße 1 & 5) umgebaut. Dabei wurde leider der alte Säulenbalkon, welcher die Bombardierungen überstanden hatte, entfernt und der neue Eingang eine Achse weiter nach rechts verlegt... die Fassade wurde somit ihres auffälligsten Elementes und ihrer Symmetrie beraubt.

Hier ein Foto der beiden Häuser Nr. 1 & 3 von 1910; Nr. 3 mit Säulenbalkon:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-HB-XX-L-141)
Häuser 3 & 5:


Haus Nr. 5 wurde ab 1821 für den Schneidermeister Gampenrieder errichtet (Herr Mayer ist kein Farnese...). Im Krieg brannte es ebenso wie das Nachbarhaus Nr. 3 aus und wurde danach für das Finanzministerium wiederhergerichtet, wobei leider auch hier ein Element beseitigt wurde: der mit schmiedeeisernem Geländer versehene Balkon im 2. Stock, hier ein Foto von ca. 1910:

(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-2135, Lizenz CC BY-ND 4.0)
Häuser Nr. 5 - 9:


Haus Nr. 7 (Mitte) ist im Gegensatz zu den Nachbarhäusern vollständig rustiziert; es wurde wie das anschließende Haus Nr. 9 (rechts) für den Cafétier Schröfl gebaut; Haus Nr. 7 im Jahr 1823, Haus Nr. 9 im Jahr 1818. Beide Häuser brannten im Krieg komplett aus, die Fassaden blieben jedoch erhalten.

Häuser Nr. 5 - 11:

Häuser Nr. 9 & 11:

Nr. 11:


Das 1829/30 errichtete Haus Nr. 11, Eckhaus zum Oskar-von-Miller-Ring, ist ein interessanter Fall: ursprünglich bestand es aus 7 Fensterachsen, also zwei Achsen weniger als heute, und es war auch kein Eckhaus, sondern hatte noch einen nördlichen Nachbarn. Die Situation vor dem 2. Weltkrieg sah folgendermaßen aus (Foto von 1926):

(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-2145, Lizenz CC BY-ND 4.0)

Das Haus rechts von der Laterne ist das heutige Eckhaus Nr. 11 (damals Nr. 6), das rechts anschließende Haus mit dem Säulenbalkon die damalige Nummer 7. Dieses Haus Nr. 7 wurde nun nach dem Krieg abgerissen, obwohl die Fassade die Bombardierungen überstanden hatte. Wie kam das?

Nun, die Geschichte beginnt in der Zeit des Nationalsozialismus: die Nationalsozialisten wollten für ihren jährlich stattfindenden Festzug zum „Tag der deutschen Kunst" eine repräsentative Aufmarschstraße von dem an der Prinzregentenstraße gelegenen Haus der Kunst zur Ludwigstraße. So entschieden sie, die damals noch sehr schmale Von-der-Tann-Straße, die die Prinzregentenstraße mit der Ludwigstraße verbindet, zu verbreitern und rissen hierzu 1937 die gesamte Klenzesche Häuserzeile südlich der Von-der-Tann-Straße ab (Ludwigstraße 28-31 in der damaligen Nummerierung), um sie durch den riesigen Neubau des neuen Zentralministeriums (Ludwigstraße 2, heute Landwirtschaftsministerium, Näheres dazu später) zu ersetzen, dessen nördliche Baulinie dafür etwas nach Süden versetzt wurde. (Die grundsätzliche Idee eines neuen Zentralministeriums bestehend aus Staatskanzlei, Finanz- und Innenministerium bestand schon seit den 1920er Jahren, wurde aber erst unter den Nationalsozialisten in Angriff genommen.)
Außerdem bestand die Absicht, zu einem späteren Zeitpunkt den Königsplatz (Sitz vieler NSDAP-Behörden, u.a. des Führerbaus) und den Flughafen Riem im Osten der Stadt in Form einer breiten, repräsentativen Achse zu verbinden, wofür die Verbreiterung der Von-der-Tann-Straße nur der erste Schritt sein sollte. Doch dann kam der Krieg und dieses Vorhaben konnte nicht mehr weiterverfolgt werden. Nach dem Krieg aber wurde das Projekt in veränderter Form wiederaufgenommen, nämlich um den neuen Altstadtring zu bauen, der die Ludwigstraße an dieser Stelle kreuzen sollte. Und so wurde beschlossen, die westlich der Ludwigstraße gelegene Fortführung der Von-der-Tann-Straße ebenfalls zu verbreitern und hierfür die erhaltene Fassade des Eckhauses Ludwigstraße 7 abzureißen, um nach Westen hin eine breite Autoschneise bauen zu können - den heutigen Oskar-von-Miller-Ring (Durchführung 1953-56). Auf diesem Wege wurde außerdem das ganze kleinteilige Stadtviertel südlich der Amalien- und der damaligen Lotzbeckstraße der riesigen neuen Verkehrsschneise des Altstadtrings geopfert - bis hin zur Briennerstraße, deren Nordzeile unmittelbar westlich des heute noch bestehenden Palais Almeida ursprünglich eine geschlossene Bebauung aufwies und die nun ebenfalls von einer Autoschneise durchbrochen wurde. Eine Kulturbarbarei ungeheuren Ausmaßes im Namen der „autogerechten Stadt", wie sie leider in jenen Jahren öfters vorkam.
Da nach dem Abriss von Haus Nr. 7 die bestehende Fassade des linken Nachbarhauses Nr. 6 (heute Nr. 11) aber nicht breit genug war, um die neue südliche Baulinie des Oskar-von-Miller-Rings zu erreichen, verlängerte man sie kurzerhand um zwei weitere Achsen nach Norden, womit man nun auch diese Fassade beeinträchtigte, da man sie hiermit ihrer Symmetrie beraubte. Die Klenzesche Fassadengestaltung kopierte man außerdem auf die neue Nordseite am Oskar-von-Miller-Ring.


Zwei weitere Fotos des abgerissenen Hauses Ludwigstraße 7:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-HB-II-c-0689)
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-HB-XXIII-165)


Abschließend lässt sich zu dieser Häuserzeile an der südlichen Westseite sagen, dass, obgleich sie für unsere heutigen Augen architektonisch vielleicht nicht herausragend erscheinen mag, sie doch in der Entwicklungsgeschichte des modernen kommerziellen Wohnungsbaus einen wichtigen Platz einnimmt: die durchgehend aus den späten 1810er / 1820er Jahren stammenden Mehrparteienhäuser nehmen in mancherlei Hinsicht die späteren gründerzeitlichen Zinshäuser voraus, vor allem in der im Vergleich zu den großen Adelspalästen vermehrten Geschoßanzahl und verringerten Geschoßhöhe bei gleichzeitig bewusst repräsentativer Fassadengestaltung unter Zitaten von traditioneller Palastarchitektur.

Betrachten wir nun die gegenüberliegende Ostseite.

Wie bereits geschrieben, wurde 1937 die gesamte ursprüngliche Häuserzeile zwischen der nördlich des Bazars einmündenden Galeriestraße und der nochmal weiter nördlich liegenden Von-der-Tann-Straße abgerissen und durch das neue Zentralministerium ersetzt. Die ursprünglichen Häuserzeile bestand aus vier Gebäuden:

Schrägansicht von Süden (hinter dem rechten Auto mündet die Galeriestraße ein):
(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-HB-II-c-0791, Lizenz CC BY-ND 4.0)
Ansicht der Häuser Nr. 30 & 31 (links angeschnitten Nr. 29, rechts das Bazargebäude):
(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-HB-II-c-0395, Lizenz CC BY-ND 4.0)
Schrägansicht von Norden:


Auf obigem Foto ganz links angeschnitten der Haslauer-Block (heute Nr. 6–10), dann die einmündende Von-der-Tann-Straße (so schmal war sie damals!), darauf die Häuser Nr. 28 - 31 (alte Nummerierung). Das unmittelbar rechts nach der Einmündung der Von-der-Tann-Straße stehende große Neo-Renaissance-Gebäude (Nr. 28) war im Vergleich zu den benachbarten Häusern bereits ein Neubau, der 1900/01 im Auftrag der Preußischen Reichsbank, der Eigentümerin des Gebäudes, anstelle des ursprünglichen Klenzeschen Eckbaus errichtet worden war. Hier eine Frontalansicht des Gebäudes:

(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-WEIN-0439, Lizenz CC BY-ND 4.0)

Dieses Gebäude, dessen Vorbilder in der italienischen Renaissance zu suchen sind, war im Vergleich zu den Nachbargebäuden nochmals monumentalisiert und entsprach in seinem größeren Dekorationsaufwand und seiner wuchtig-plastischen Gesamterscheinung dem üppigeren Geschmack der Gründerzeit bzw. der Jahrhundertwende; die Gebäude von Klenze aus den 1820er Jahren waren im Vergleich hierzu etwas zurückgenommener und stilisierter, Klenzes Geschmack war eben noch mehr vom französischen Klassizismus geprägt.

Hier eine interessante Seitenansicht aus der Von-der-Tann-Straße, links die Häuser Von-der-Tann-Straße 26 (angeschnitten) & 27, dann die Reichsbank, anschließend die Ludwigstraße, ganz im Hintergrund die schräg verlaufende Fürstenstraße:

(Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-3863, Lizenz CC BY-ND 4.0; im Stadtarchiv ist dieses Foto fälschlicherweise spiegelverkehrt gespeichert)
Der Vorgängerbau (Nr. 28) von Klenze:
(Bayerische Landeszentralbank)



Nach Abriss der Häuserzeile im Jahre 1937 wurde an gleicher Stelle 1938 das neue Zentralministerium errichtet (heute Bayer. Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forst, Ludwigstr. 2). Es wurde im Krieg bereits 1943 schwer getroffen und anschließend wiederhergestellt; auch 1944 erlitt es noch schwere Schäden, die aber allesamt behoben wurden. Die Pläne zu diesem Gebäude stammten von Ministerialrat → Fritz Gablonsky, der sich u.a. große Verdienste um die Rettung des Cuvilliés-Theaters erworben hat. Das Zentralministerium passt sich zwar stilistisch ein wenig in die baulichen Gepflogenheiten der Ludwigstraße ein, erscheint aber an diesem Punkt der Ludwigstraße, die hier im Gegensatz zum nördlichen Abschnitt noch mehr von kleinteiliger Bebauung geprägt ist (siehe die gegenüberliegende Häuserzeile Nr. 1 - 11), als völlig unpassender, glatter und hyper-monumentaler Klotz, der das Gefüge und Crescendo der beginnenden Ludwigstraße ziemlich durcheinander bringt. Das Gebäude ist 86m lang und 69m breit.

Einige Fotos:





Die Südfassade an der Galeriestraße, die, mit einem Portikus versehen, als spätere Hauptfassade hätte dienen sollen, wenn wie von den Nationalsozialisten geplant das bereits erwähnte → „Neue Odeon" anstelle des Bazars gebaut worden wäre:

Ein Blick in den südlichen Innenhof:



Zum Abschluss der Betrachtung des südlichen Abschnitts der Ludwigstraße noch ein Blick zurück nach Süden, bei dem man erkennt, wie wuchtig das Landwirtschaftsministerium im Vergleich zum Rest wirkt:



Auf der nächsten Seite sehen wir uns den mittleren Abschnitt der Ludwigstraße zwischen Altstadtring und Ludwigskirche an.