Odeonsplatz
Vorbemerkung: der eigentliche Odeonsplatz beginnt erst nördlich der Linie Brienner Straße / Hofgartentor, die Bezeichnung „Odeonsplatz" findet sich in allen Karten seit dem 19. Jh bis heute nur für den Bereich zwischen Odeon & Palais Leuchtenberg (incl. der vorspringenden Anschlussgebäude) im Westen und dem Bazargebäude im Osten. Der Platz südlich davon, d.h. zwischen Residenz, Feldherrnhalle und Theatinerkirche, besaß in alter Zeit keinen eigenen Namen, sondern wurde als Fortsetzung bzw. Endpunkt der Theatinerstraße und Residenzstraße vor dem (später abgebrochenen) Schwabinger Tor angesehen, die sich an dieser Stelle vereinigen. Er müsste im Grunde „Theatinerplatz", „Platz vor der Feldherrnhalle" o.ä. genannt werden; da sich aber im allgemeinen Sprachgebrauch auch für diesen Bereich die Bezeichnung Odeonsplatz durchgesetzt hat, werden wir hier dieser Sprachregelung folgen.
Wir beginnen im Süden und schauen von der Feldherrnhalle in Richtung Norden: links die barocke Theatinerkirche, direkt anschließend mit dem Palais Moy bereits ein klassizistischer Bau von Klenze, ganz hinten am Horizont das Siegestor (dahinter die Highlight Towers...), rechts daneben klein zu sehen der Südturm der Ludwigskirche, dann Landwirtschaftsministerium, Bazargebäude, Hofgartentor, schließlich rechts der Eckpavillon des Festsaalbaus der Residenz und anschließend ein kleiner Teil der Renaissancefassade der maximilianischen Residenz.

Bei Nacht:
Blick aus der Feldherrnhalle nach links zur Theatinerkirche:
Blick nach rechts auf die Residenz:
Die Feldherrnhalle:
Seitenansicht der Feldherrnhalle von der Residenzstraße aus, links angeschnitten das spätbarocke Palais Preysing:
Die südlich an die Feldherrnhalle anschließende Hauptfassade des Palais Preysing (erbaut 1723–1728):
Einige Anmerkungen zur Feldherrnhalle und zur baulichen Situation vor Abriss der Stadtmauer. Die Feldherrnhalle wurde 1840-44 von Friedrich von Gärtner als Denkmal für die Heldentaten des bayerischen Heeres, vor allem aber als prächtiger Südabschluss der Ludwigstraße erbaut. Die beiden Statuen sind Denkmäler für die Feldherren Tilly (1559-1632, Feldherr in der katholischen Liga des 30-jährigen Krieges) und Wrede (1767-1838, Feldherr in den napoleonischen Befreiungskriegen), die sich beide große Verdienste um die Selbstbehauptung des Mittelstaates Bayern in kriegerischen Zeiten erworben hatten. Die Feldherrnhalle ist eine Architekturkopie der Loggia dei Lanzi in Florenz (wenngleich einige Details durchaus abweichen), man kann aber sagen, dass sie städtebaulich in München fast besser zur Geltung kommt als das etwas eingepferchte Original in Florenz.
Ursprünglich befanden sich an dieser Stelle, d.h. am Schnittpunkt der von Süden kommenden Altstadtstraßen Residenzstraße und Theatinerstraße und nördlich anschließend an das Palais Preysing, drei weitere Häuser, darunter das altehrwürdige Wirtshaus „Zum Bauerngirgl", die aber zusammen recht weit in den Platz zwischen Residenz und Theatinerkirche hineinragten und somit einen Teil der Fassade der Theatinerkirche verdeckten. Im Zuge der Stadterweiterung nach Norden wurde dieser Bereich vollkommen umgestaltet, die drei Häuser samt Bauerngirgl abgerissen und durch die viel weniger tiefe Feldherrnhalle ersetzt (der Bauerngirgl als Wirtshaus lebte daraufhin weiter südlich in der Residenzstraße weiter, das ➝ dortige Gebäude wurde dann aber im 2. Weltkrieg zerstört).
Auch nach Norden hin bot sich von diesem Standpunkt aus ein ganz anderer Ausblick: unmittelbar nördlich von Residenz und Theatinerkirche verlief die mittelalterliche Stadtmauer samt Schwabinger Tor, benannt nach dem damals weit außerhalb der Stadt München gelegenen Dorf Schwabing (welches dann Ende des 19. Jhs im Zuge der schnell wachsenden Stadt nach München eingemeindet wurde). 1817 wurde als erster Schritt des Baus der Ludwigstraße die Stadtmauer samt Toranlage abgerissen und der kleine Platz zwischen Residenz und Theatinerkirche somit nach Norden geöffnet. Ein völlig neuer Platz entstand: der Odeonsplatz.
Nachfolgend einige Ansichten der Situation vor Abriss der Stadtmauer und der drei Häuser.
In der Mitte der Bauerngirgl, dahinter die anderen beiden später abgerissenen Häuser, nochmal dahinter das Palais Preysing (mit Dreiecksgiebel), links angeschnitten die Residenz, rechts die Theatinerkirche (Aquarell von Joseph Puschkin von 1840):
(Wikipedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0, Urheber: Richard Huber)
Hier die Situation mit Stadtmauer und dem Schwabinger Tor (Gemälde von Joseph Carl Cogel 1814):
(Wikimedia Commons, Public Domain)
Wie man sieht, war die Theatinerkirche zwischen Bauerngirgl und Stadtmauer ziemlich eingepfercht und hatte wenig Platz sich zu entfalten. Außerdem war sie noch grau angestrichen, die heute so selbstverständlich erscheinende Ockerfarbe kam erst gegen Mitte des 19. Jhs.
Eine weitere ähnliche Ansicht von Carl August Lebschée (die dieser allerdings erst 1850, also aus der Erinnerung gemalt hat):
(Wikimedia Commons, Public Domain)
Und schließlich eine Ansicht vom Platz aus in Richtung Norden nach Niederlegung des Schwabinger Tors samt Stadtmauer, gemalt von Domenico Quaglio 1822. Links das sogenannte Chédeville-Schlösserl, in der Mitte etwas versteckt das sich im Bau befindliche Palais Leuchtenberg, rechts mit dem Giebel die alte Reitschule, daneben das Café Tambosi (welches auch nach Abriss der Reitschule und des Cafés im danach an gleicher Stelle neu gebauten Bazargebäude blieb):
Sehen wir uns den heutigen Odeonsplatz an. Zunächst der südliche Bereich zwischen Residenz und Theatinerkirche. Ganz links - noch in der Residenzstraße - schräg zu sehen das barocke Palais Preysing (erbaut 1723–1728 durch Joseph Effner), dann die Feldherrnhalle, darauf in der einmündenden Theatinerstraße das nach völliger Kriegszerstörung rekonstruierte ehemalige Theatinerkloster (darüber die Türme der Frauenkirche), darauf die Theatinerkirche und schließlich das Haus Theatinerstraße 23, das heute zum anschließenden Haus Brienner Straße 1, dem ehemaligen Palais Moy gehört:
Blick auf die Ostseite des Platzes, links der Eckpavillon des Festsaalbaus der Residenz (erbaut 1835-1842 von Klenze), anschließend die Renaissance-Fassade der maximilianischen Residenz (erbaut unter Maximilian I. kurz nach 1600) und dann die Feldherrnhalle:
Der gesamte Festsaalbau wurde im 2. Weltkrieg bis auf die massiven Außenmauern zerstört und danach äußerlich originalgetreu wiederhergestellt; der östliche Teil wurde dabei für die Bayerische Akademie der Wissenschaften umgebaut, im zentralen Bereich entstand anstelle der ausgebrannten klassizistischen Säle Ludwigs I. (Thronsaal etc.) ein neuer Konzertsaal (der sogenannte ➝ Neue Herkulessaal) und im westlichen Teil wurden die ursprünglich dort gelegenen Renaissance-Säle Kaisersaal und Vierschimmelsaal, die bereits um 1800 in klassizistische Wohnräume für König Max I. Joseph umgebaut worden waren und welchen Klenze lediglich eine neue Fassade vorgeblendet hatte, rekonstruiert. Die südlich anschließende Renaissance-Fassade wurde noch schwerer zerstört, so dass ein großer Teil der Fassade einstürzte; sie wurde danach ebenfalls rekonstruiert, incl. einiger Innenräume wie dem direkt hinter der Fassade liegenden Theatinergang. Die Feldherrnhalle kam am glimpflichsten davon, doch auch sie erlitt Schäden, die aber allesamt behoben wurden.
Nun ein paar Fotos der prächtigen Theatinerkirche. Sie wurde 1663-1690 nach Plänen von Agostino Barelli und Enrico Zuccalli errichtet, die lange Zeit unverputzt verbliebene Fassade allerdings erst rund 100 Jahre später (1765-68) von François de Cuvilliés hinzugefügt, der sich dabei recht deutlich an den ursprünglichen Fassadenplänen Zuccallis orientierte. Im 2. Weltkrieg erlitt auch die Theatinerkirche schwere Schäden, Fassade und Kuppel hatten tiefe Risse, die gesamte bauliche Struktur blieb aber stehen. Die Verluste zeigten sich mehr in der Dekoration und Ausstattung, vor allem der Chorbereich wurde stark zerstört. Nach dem Krieg wurde die Kirche auch innen nahezu komplett wiederhergestellt, es fehlen hauptsächlich die Altarmensa mit Tempietto-Tabernakel (durch einen kleineren Nebenaltar ersetzt) und das Hochaltarbild (ersetzt durch ein anderes Bild). Die Theatinerkirche war eine der ersten großen Barockkirchen nördlich der Alpen, zusammen mit den Domen zu Salzburg und Passau. Die von italienischen Meistern angefertigten Stuckaturen in ihrem Inneren waren stilbildend für die später berühmt gewordene Wessobrunner Schule.
Von der Residenz aus:
Von weiter nördlich mit Kuppel:
Das großartige Innere:



Wir machen weiter an der Ostseite mit dem Hofgartentor:

Das Hofgartentor war Klenzes erster ausgeführter Bau in München und wurde 1816-18 errichtet; es zeigt Klenzes noch französisch beeinflußten Frühstil. Das Tor erlitt im Weltkrieg nur geringe Putzschäden.
Ein Blick durch das Tor in den Hofgarten und auf die Fassade des Festsaalbaus:
Der Festsaalbau:
Früher war auf der Hofgartenstraße Autoverkehr, inzwischen ist hier Gott sei Dank Ruhe. Überhaupt ist der Hofgarten eine wunderbare Oase der Ruhe und einer der schönsten Orte Münchens - sich hier an einem schönen Sonnentag auf eine der zahlreichen Bänke zu setzen und den Frieden zu genießen, ist paradiesisch.
Der Hofgartentempel (1615 errichtet) inmitten der Blumenbeete:
Die Theatinerkirche schaut über die Hofgartenmauer:
Das Hofgartentor von innen, hinten die Brienner Straße:
Wir gehen wieder aus dem Hofgarten heraus und schauen auf die gegenüberliegende Seite mit den sich nördlich an die Theatinerkirche anschließenden Häusern Theatinerstraße 23, Brienner Straße 1 (Palais Moy), der von Westen einmündenden Brienner Straße und den Häusern Odeonsplatz 1 & 2.
Die beiden Häuser Theatinerstraße 23 (links gleich anschließend an die Theatinerkirche) und Brienner Straße 1 (Palais Moy) bilden eine Einheit. Sie wurden von Klenze 1824/25 gebaut und greifen bewusst die Traufenhöhe und Fassadengliederung des südlich an die Theatinerkirche angrenzenden ehem. Theatinerklosters auf, so dass sich eine einfache aber würdige Rahmung der Theatinerkirche ergibt. Gleichzeitig wurde mit dieser Fortführung der Baulinie der Theatinerstraße die neue westliche Baulinie der Ludwigstraße festgelegt. Die östliche Baulinie der Ludwigstraße führt zwar nicht genau diejenige der Residenz und der Hofgartenfront fort, sondern es gibt beim Bazargebäude und danach beim Landwirtschaftsministerium jeweils einen Einsprung, doch fällt diese leichte Verengung nur wenig auf und es ergibt sich somit insgesamt eine natürlich anmutende Breite des Odeonsplatzes und der Ludwigstraße, die organisch aus den sich vereinigenden Altstadtstraßen Theatinerstraße und Residenzstraße erwächst.
Theatinerstraße 23 und Brienner Straße 1 wurden im Krieg erheblich zerstört, nach dem Krieg aber in Originalform wiederaufgebaut, das Palais Moy bekam dabei in Anlehnung an das linke Nachbarhaus ebenfalls runde Schaufensterarkaden. Leider ging im Krieg die ehedem prächtige, aus der Zeit des Historismus stammende Innenausstattung des Palais Moy verloren (im ➝ Bildindex finden sich einige Fotos des untergegangenen Interieurs).
Ein kurzer Blick in die Briennerstraße mit ihren klassizistischen Gebäuden:
Nördlich der Einmündung der Brienner Straße schließen sich die Häuser Odeonsplatz 1 & 2 an, die ebenfalls eine bauliche Einheit bilden.
Das südliche (linke) Haus Nr. 1 steht ungefähr dort, wo sich die vorgelagerte Eckbastion der Wallbefestigung des Schwabinger Tors befand, das nördliche Haus ungefähr im Bereich des ehemaligen Wallgrabens. Auf der bereits im 18. Jh. etwas eingeebneten und begrünten Bastion befand sich das schon oben auf dem Gemälde von Quaglio gezeigte Chédeville-Schlösserl, das dem Direktor der kurfürstlichen Gobelin-Manufaktur Joseph Chédeville gehörte. Dieses Haus musste natürlich dem Projekt Odeonsplatz/Ludwigstraße weichen und es war ein zäher Kampf zwischen der Witwe Chédevilles und Klenze, der den Aufkauf der der Ludwigstraße im Wege stehenden Häuser zu bewerkstelligen hatte...
Stilistisch entspricht dieser ab 1828 gebaute Häuserblock dem am Nordende des Odeonsplatzes stehenden Haus Ludwigstraße 1: Gurtgesimse zwischen den Etagen, rustiziertes Erdgeschoß und Ecken, zwei gleichwertige Hauptgeschoße, ein niedrigeres, pilastergegliedertes 3. Obergeschoß, Konsolgesims, abgewalmtes Dach. Im Vergleich zum südlich gelegenen Palais Moy besitzen diese Häuser jetzt vier Geschoße; sie sind als normale Wohnhäuser konzipiert, im Vergleich zu den daneben stehenden nobleren Palästen Odeon und Palais Leuchtenberg besitzen sie eine höhere Geschoßzahl bei niedrigerer Traufhöhe.
Das Haus Nr. 2 war um 1900 Sitz der bekannten Kunsthandlung Littauer, die als Vorbild für die fiktive Kunsthandlung „Blüthenzweig" in der Erzählung „Gladius Dei" von Thomas Mann diente.
Im 2. Weltkrieg schwere Schäden, teilweise auch Zerstörung der Fassaden, danach vollkommene äußerliche Wiederherstellung.
Der Innenhof von Haus Nr. 2 ist ein Beispiel einer gelungenen Nachkriegsgestaltung:
In schöner Altmünchner Tradition befindet sich an Haus Nr. 2 eine Hausmadonna:
Kommen wir nun zu den ersten Höhepunkten der Klenzeschen Neubauten: dem Odeon (Odeonsplatz Nr. 3) und dem Palais Leuchtenberg (Odeonsplatz Nr. 4).
Wir betrachten zunächst das Palais Leuchtenberg, da es von beiden Palästen der zuerst gebaute war.
Blick auf die Süd- und Ostfassade:
Südfassade mit Hauptportal:
Ostfassade:
Das nach dem 2. Weltkrieg nach Vorbild des Odeon-Ostportals neu eingefügte Ostportal:
West- und Südfassade:
Das Palais Leuchtenberg wurde für Eugène de Beauharnais, den Stiefsohn Napoleons, der mit Auguste Amalia, der Tochter des bayerischen Königs Max I. Joseph verheiratet war, von 1817-21 durch Klenze erbaut. Eugène de Beauharnais war vorher Vizekönig von Napoleons Gnaden in Italien gewesen, musste dann fliehen und ging mit seiner Frau nach München, wo er von seinem Schwiegervater König Max I. Joseph den Titel Herzog von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt verliehen bekam. Dieses Palais wurde seine neue Heimat und war der erste von Klenze geplante Neubau am Komplex Odeonsplatz / Ludwigstraße. Es war nach der königlichen Residenz das am reichsten eingerichtete Palais in München und Mittelpunkt eines glänzenden Gesellschaftslebens; nur das später ebenfalls von Klenze errichtete Herzog-Max-Palais in der Ludwigstraße konnte sich mit ihm an Herrschaftlichkeit und Aufwand vergleichen. Seine Innenräume gehörten bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zu den herausragendsten Leistungen des Münchner Klassizismus.
Nach dem frühen Tod Eugènes 1824 (sein Grab befindet sich in der Münchner Michaelskirche) blieb das Palais in Besitz Auguste Amalias und der neuen Familie Leuchtenberg, bevor es 1854 an den späteren Prinzregenten Luitpold verkauft wurde, dessen Familie (zuletzt Kronprinz Rupprecht) bis zur Flucht vor den Nationalsozialisten Ende der 1930er Jahre darin wohnte.
Im 2. Weltkrieg wurde das Palais bis auf die sehr massiven Außenmauern zerstört; durch undurchsichtige Nachlassverhältnisse erschwert, kam es erst 1957 in den Besitz des bayerischen Staates, der dann beschloss, es zum neuen Sitz des Finanzministeriums zu machen. In den ganzen Jahren seit Kriegsende war das Palais nicht gesichert und somit Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert gewesen, dabei hatten sich zunächst durchaus einige wertvolle Teile der wandfesten Ausstattung erhalten. Als schließlich die Entscheidung für die Verwendung als Finanzministerium fiel, war die Bausubstanz dermaßen durchfeuchtet und verfallen, dass man sich entschied, die Ruine abzureißen und das Gebäude stattdessen zu rekonstruieren. An Originalsubstanz konnte nur der Säulenportikus aus Kalkstein an der Südfassade übernommen werden.
Man muss aus heutiger Sicht sehr mit diesen Versäumnissen hadern, denn bei zeitnaher Sicherung der Ruine hätte man durchaus noch vieles der wandfesten Ausstattung retten und sanieren können. So ist der Außenbau heute zwar eine perfekte Rekonstruktion, aber innen ist leider nichts mehr von der alten Pracht erhalten. Im Zuge der Rekonstruktion wurde dem Palais Leuchtenberg aus praktischen Gründen ein Ostportal hinzugefügt, das dieses nie gehabt hatte; dabei wurde jedoch in einfühlsamer Weise das Ostportal des ansonsten äußerlich identischen Odeons kopiert, so dass das Ergebnis als sehr natürlich und überzeugend gelten kann.
Von den ursprünglichen Innenräumen gibt es leider kaum Fotos; nachfolgend einige der wenigen erhaltenen Ansichten.
Tanzsaal:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-STB-0345, Lizenz CC BY-ND 4.0)
Speisesaal mit dem Alexanderfries von Thorvaldsen, das später im Foyer des neuen Herkulessaals im Festsaalbau der Residenz eine neue Heimat fand:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-STB-8261)
Kleiner Speisesaal:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-STB-8262)
Kapitell im Eingangsbereich:
(Stadtarchiv München DE-1992-FS-STB-8259)
Was die Außenarchitektur betrifft, so wird das Palais Leuchtenberg einerseits als Abschluss des französischen Empire, andererseits aber auch als eines der ersten und wichtigsten Beispiele der beginnenden Neorenaissance angesehen; die Fassade ist inspiriert von römischen Renaissancepalästen wie vor allem dem → Palazzo Farnese in Rom (erbaut ab 1514), wandelt diese kraftvolle und schwere Grundform des italienischen Cinquecento aber in eine etwas vornehmere, leichtere und man kann sagen „französisierte" Version um. Die Münchner Denkmaltopographie schreibt hierzu:
„Kennzeichnend ist die dichte Textur der Gliederung unter Reduzierung der Flächen, die Zurücknahme des plastischen Volumens, die Durchsetzung mit der Antike direkt entlehntem, vor allem ornamentalen Formengut; auch der Oberflächencharakter des Putzbaues wirkt einer schweren Monumentalität entgegen. Feinfühlig wirkt die Abstufung der Gliederung nach oben hin, besonders festlich und elegant die Gestaltung der schlanken Fensterädikülen im Hauptgeschoss, deren mit heraldisch zu verstehenden Adlern besetzte Pilasterkapitelle als demonstratives Bekenntnis des Bauherrn zu seiner napoleonischen Herkunft gelten können. Durch die Erlesenheit der Binnengliederung, größere Geschosshöhe und entsprechend höhere Lage des Traufgesimses erheben sich Leuchtenberg-Palais und Odeon in hierarchischer Betonung über die beidseitig anschließende Wohnbebauung am Beginn der Ludwigstraße und bilden zugleich einen würdevollen Abschluss des dieser westlich anliegenden Rechteckplatzes.
Der in diesem frühen Hauptbeispiel ausgebildete Klenzesche Palaststil hat nur eine geringe Nachfolge gefunden, abgesehen vom engeren Umfeld des Münchner Wohnbaues (so z.B. Pacellistraße 4) und im Königreich wirksamen Einflüssen (z.B. Nürnberg, Haus des Bankiers v. Kalb); zu nennen sind vor allem das Palais Castell in Mannheim (Umbau 1842) und das Kronprinzenpalais in Stuttgart (1844 ff. nach Vorbild des Herzog-Max-Palais Ludwigstraße 13). In London gelangte Sir Charles Barry mit dem Travellers' Club (1829-32) und dem Reform Club (1837-41) zu einer vergleichbaren Stufe der Renaissance-Rezeption; die Zukunft gehörte jedoch der immer voluminöseren, zu üppigem Aufwand gesteigerten Neurenaissance Semperscher Prägung, ausgehend etwa vom Dresdner Palais Oppenheim."
Nun zum südlich des Palais Leuchtenberg gelegenen Odeon (Odeonsplatz 3).
Das Odeon wurde 1826-28 als öffentliches Konzerthaus gebaut, wobei sowohl Klenze als auch Ludwig I. wünschten, dass die bauliche Gestalt eine Spiegelung des direkt nördlich gelegenen Palais Leuchtenberg sein sollte, was die Innenplanung erheblich erschwerte - es waren etliche Verrenkungen nötig, um einen Konzertsaal dieser Größe (36 x 22 m bei 15 m Höhe) mit den erforderlichen Nebenräumen einbauen zu können, der Saal reichte dabei bis in den Dachstuhl hinauf.
Nordfassade:

Nordportal:
Ostfassade zum Odeonsplatz:
Nord- und Westfassade zum Wittelsbacher Platz:
Die Denkmaltopographie schreibt bzgl. der Form und Wirkung des Konzertsaales:
„Seine feierliche, antikisierende Formensprache mit zwei Kolonnaden übereinander und einer das Orchester aufnehmenden, mit den Büsten bedeutender Tondichter geschmückten Exedra gemahnte an erhabenste Bauaufgaben wie die griechische Tempelcella, die römische Basilika und die Apsis christlicher Kirchen. Durch das Bildprogramm der drei Deckengemälde von Cornelius-Schülern wurde der Saal zum Heiligtum Apollos und der Musen deklariert. Entsprechend apollinisch klar und hell, festlich und weihevoll war die Stimmung des Raumes. Im Odeonsaal fand im Zeitalter der musikalischen Spätklassik und Frühromantik eine zuvor nie dagewesene Wertschätzung der für geradezu heiligmäßig erachteten Tonkunst ihren adäquaten Ausdruck. An sakraler Raumwirkung vergleichbar war in dieser Epoche nur Schinkels unausgeführter Entwurf für die Berliner Singakademie in Form einer der hl. Cäcilia geweihten Kirche; formale Beziehungen bestanden zu Schinkels klassizistischem Konzertsaal im Berliner Schauspielhaus und zu Raumschemata des Architekturtheoretikers Durand."
Ein Foto des Saals:
(Wikipedia Commons, Public Domain)
Der Saal hatte eine feste Bestuhlung von 845 Sitzplätzen, dazu kamen 300 Stehplätze, die höchste zugelassene Besucherzahl war 1445; dabei muss der Saal aber sehr überfüllt gewesen sein. Die Nischen auf der Bühne beherbergten Büsten der damals in den 1820er Jahren als am bedeutendsten angesehenen Komponisten: Beethoven, Mozart, Gluck, Händel, Haydn, Georg Joseph Vogler, Étienne-Nicolas Méhul, Weber, Cimarosa und Peter von Winter. J. S. Bach war nicht dabei, er wurde in seiner überragenden Bedeutung erst später von Mendelssohn wiederentdeckt...
Das Odeon ist ein Frühbeispiel eines öffentlichen Konzerthauses; zuvor hatten Konzerte entweder im exklusiven höfischen Bereich (Hoftheater) oder in einfachen bürgerlichen Rahmen stattgefunden. Die Idee eines öffentlichen Konzerts mit allgemein verfügbaren Eintrittskarten war lange Zeit unbekannt, bei höfischen Veranstaltungen war selbstredend nur die Hofgesellschaft und hochstehende Gäste zugelassen. Der Bau eines öffentlichen Konzertsaals kann somit als Demokratisierung der Musik verstanden werden, was gemäß Ludwig I. vor allem der Bildung des Volkes dienen sollte. Das Münchner Odeon wurde lange vor den meisten anderen öffentlichen Konzerthäusern Mitteleuropas gebaut (der Musikverein Wien stammt von 1870, das Neue Gewandhaus Leipzig von 1884, das Concertgebouw Amsterdam von 1888), es kann also als eine der ideell wichtigsten Schöpfungen Ludwigs I. angesehen werden, vergleichbar mit seinen Pinakotheken und der Glyptothek. Das Odeon wurde auch für andere große Veranstaltungen wie Bälle, Vorträge und Feste verwendet, eine schöne Schilderung eines solchen Festes findet sich z.B. im "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller. Später diente es auch als Musik-Konservatorium, siehe auch die Einleitung des schon erwähnten „Gladius Dei" von Thomas Mann („München leuchtete...").
Im 2. Weltkrieg wurde es bis auf die Außenmauern zerstört; danach entschloss sich die Staatsregierung, es als Ministerium des Inneren zu verwenden. Eine Wiederverwendung als Konzertsaal wurde leider schon damals wegen der Enge und der fehlenden Fluchtwege ausgeschlossen, auch wenn seitdem immer wieder Diskussionen darüber aufflammen, den Saal zu rekonstruieren (es wäre sicher die schönste Lösung für den geplanten neuen Münchner Konzertsaal...). Im Zuge des Umbaus in das Ministerium wurden die Reste des ehemaligen Konzertsaals in einen Innenhof umgewandelt, der 2007 dann noch mit einer Glas-Stahl-Konstruktion überdacht wurde. Die ehemals offenen Räume hinter den Kolonnaden im 1. Stock wurden dabei aber geschlossen und als Gänge benützt, die im Krieg zerstörten Kolonnaden im 2. Stock gar nicht wiederhergestellt, so dass der heutige Eindruck ein ganz anderer ist als vor der Zerstörung. Der heutige Hofplatz auf Erdgeschosshöhe war vor der Zerstörung übrigens eine Art „Parkplatz" für die Kutschen der feinen Herrschaften, welche hier geschützt vor Wind und Wetter im Trockenen aussteigen konnten, wobei die Kutschen vom Odeonsplatz herein- und danach auf der anderen Seite auf den Wittelsbacher Platz wieder hinausfahren konnten.
Ein paar Fotos des heutigen Innenhofes:


Nun einige Fotos des ganzen Ensembles. Gerade der kleine Platz zwischen Odeon und Palais Leuchtenberg ist sehr reizvoll. Links das Odeon, rechts das Palais Leuchtenberg, in der Mitte die Ostfassade des → Palais Ludwig Ferdinand. Dieses Palais wurde 1825/26 ebenfalls von Klenze erbaut, war danach 25 Jahre Klenzes Wohnhaus und gelangte 1878 in den Besitz der Prinzen Alfons und Ludwig Ferdinand von Bayern. Heute ist es der Hauptsitz von Siemens. Es gehört aber bereits zum Wittelsbacher Platz, weswegen wir hier auf eine genauere Betrachtung verzichten.

Der Blick in die entgegengesetzte Richtung mit dem Bazargebäude im Hintergrund, zu dem wir anschließend kommen werden:
Odeon und Palais Leuchtenberg vom Odeonsplatz, dazwischen das Palais Ludwig Ferdinand, im Vordergrund das Reiterstandbild Ludwigs I. von 1862:
Die Nordwestecke des Odeonsplatzes:

In der Bildmitte, rechts anschließend an das Palais Leuchtenberg, das Doppelhaus Odeonsplatz 5 / Ludwigstraße 1, das 1817/18 nach Plänen von Klenze gebaut wurde und heute Teil des Finanzministeriums ist. Ganz rechts das Landwirtschaftsministerium (Ludwigstraße 2):
Gesamtansicht der Westseite des Odeonsplatzes:
Blick zurück zur Theatinerkirche:

Blick nach Süden zur Residenz, links angeschnitten der Bazar:
Blick von der Südwestecke nach Nordosten, rechts der Bazar:
Der Bazar ist mit 144m ein sehr langes Gebäude, er ist in sage und schreibe 13 Hausnummern unterteilt (6-18). Zunächst eine Schrägansicht von Süden (rechts):
Weitere Ansichten von Süden nach Norden:


Nordpavillon (Odeonsplatz 6):
Der 1825-26 von Klenze errichtete Bazar war und ist bis heute ein großes Gebäude mit vielen Einzelgeschäften, „ein kommerziellen und gastronomischen Zwecken gewidmeter Spekulationsbau" wie die Denkmaltopographie schreibt, „bezeichnenderweise der einzige seiner Art in der Großanlage Odeonsplatz / Ludwigstraße".
Solche Aneinanderreihungen von vielen Läden bzw. solche Kaufhallen waren damals in Mode, in Deutschland gab es so etwas u.a. in Berlin, Dresden, Stuttgart aber auch in Augsburg (auf der Barfüßerbrücke 1825/28), die ursprünglichen Vorbilder kamen aber aus Paris und London.
Das wie bereits gesagt sehr lange und überwiegend niedrige Gebäude wird durch einen höheren Mittelrisalit und ebenfalls höhere Eckpavillons im Süden und Norden gegliedert; mit diesen leichten Unregelmäßigkeiten leitet es feinfühlig von der kleinteiligen und heterogenen Altstadt über zu den großen und massiven Baublöcken der Ludwigstraße.
Im 2. Weltkrieg wurde das Gebäude bis auf die Außenmauern zerstört, so dass von den originalen Innenräumen nichts übrig geblieben ist. Die Nationalsozialisten hätten übrigens sowieso vorgehabt, den gesamten Bau abzureißen und durch ein in den Hofgarten hineinragendes → Neues Odeon zu ersetzen - wenigstens das blieb dem Bazar und dem Odeonsplatz erspart...
Noch ein Blick in die am Nordende des Bazars einmündende Galeriestraße:
An der Stelle des Bazars stand vorher das alte Turnierhaus, auch Reithalle genannt, wir haben es bereits auf dem Gemälde Quaglios gesehen. Es war ein vom Hofbaumeister Marx Schinnagl 1660/61 errichteter Mehrzweckbau, der außer zu Ritterspielen auch als Ball- und Komödienhaus diente und in dem regelmäßig glänzende Feste des kurfürstlichen Hofes stattfanden. Der Saal soll eine Länge von ca. 105 x 23 m und eine Kapazität von annähernd 10000 Zuschauern gehabt haben (laut Lorenz Westenrieder) und sehr festlich ausgestattet gewesen sein. Seine äußere Form mit dem weit herausragenden mittleren Anbau und dem mächtigen Steildach war aber natürlich nicht kompatibel mit den klassizistischen Vorstellungen Ludwigs I. und Klenzes, so dass dieser zeremoniell und geschichtlich durchaus bedeutende Bau dem neuen Bazargebäude weichen musste.
Hier eine Seitenansicht des Turnierhauses von Domenico Quaglio aus dem Jahr 1821, kurz bevor es abgerissen wurde; rechts daneben in dem herzigen Mansarddach-Häuserl das Kaffeehaus Tambosi (ein Bau von 1774):
(Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0)
Dem Café Tambosi sollen auch noch einige Worte gewidmet werden, schließlich ist (bzw. war...) es eine Münchner Institution. 1774 hatte der Venezianer Giovanni Pietro Sardi die Konzession zum Betrieb eines Kaffeehauses bekommen und eröffnete daraufhin ein Kaffeehaus am Hofgarten neben dem Turnierhaus. 1810 übernahm Luigi Tambosi aus Trient das Kaffeehaus und gab ihm seinen Namen. Sein Café führte er auch im neuen Bazargebäude fort, wo es schnell zum beliebten Treffpunkt der gehobenen Münchner Gesellschaft wurde; viele Künstler und Adlige gingen hier ein und aus. Bis 1871 blieb es unter seinem Namen bestehen, bevor es mehrmals Besitzer und Namen wechselte und immer mehr an Niveau und Ansehen verlor. 1921 übernahmen August und Anna Annast aus Salzburg das Café und hauchten ihm neues Leben ein, bis 1965 trug es den Namen Café Annast. Seit 1997 trägt es wieder den Namen Tambosi und wurde von den neuen Besitzern wieder im Geiste des alten Café Tambosi hergerichtet; u.a. wurden einige klassizistische Wandmalereien rekonstruiert und die Atmosphäre eines italienischen Cafés kreiert. Leider mussten die Besitzer das Café Ende 2016 aufgrund einer exorbitanten Mieterhöhung aufgeben und so wurde es von einem anderen Betreiber übernommen, der die Inneneinrichtung komplett veränderte und aus dem gemütlichen, altmodischen Café eine moderne und aalglatte Bar machte, der man zwar eine gewisse Eleganz nicht absprechen kann, die man so oder ähnlich aber in jeder Metropole findet und die mit dem Odeonsplatz und der Geschichte des Cafés nichts mehr zu tun hat... ein herber Verlust.
Einige Fotos vom alten Café Tambosi vor 2017:



Zum Abschluss der Präsentation des Odeonsplatzes noch einige Ansichten vom Nordende:



Ein sehr festlicher Anblick!
Ab hier beginnt die eigentliche Ludwigstraße, der wir uns auf der nächsten Seite zuwenden werden. ➔